Parkinson’sche Krankheit und Sexualität

Bei dem vorliegendem Artikel über die Parkinson’sche Krankheit und Sexualität handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Englischen. Der Artikel wurde für die Mitglieder der englischen Selbsthilfeorganisation verfasst. Er behandelt das Thema Sexualität lebensnah und praxisgerecht, so dass auf eine eigene deutsche Darstellung verzichtet werden konnte. Die Firma Merz + Co hat die Übersetzung ins Deutsche organisiert, wofür wir ihr unseren Dank aussprachen möchten. 

Sexualität im Alter ist ganz generell ein Gebiet, das im Wandelt begriffen ist. Mit der Zunahme der Lebenserwartung stehen viele älteren Menschen heute Möglichkeiten zur Verfügung, die einen aktiv gestalteten Lebensabend möglich machen, Sexualität kann dazu beitragen.

 Wir hoffen, dass dieser Artikel denen unter Ihnen hilft, die auf der Suche nach Aufklärung und Anregung sind.

Dr. med. G. Ulm Chefärztin Paracelsus Elene Klinik Kassel im Oktober 1994 Parkinson’sche Krankheit und Sexualität 

Parkinson'sche Krankheit und Sexualität

Chronische Erkrankungen wie die Parkinson’sche Krankheit können eine schwere Bürde für den Kranken selbst und dessen Lebenspartner bedeuten. Während Forscher allmählich ihr Augenmerk auf die sozialen und psychosozialen Folgen von chronischen Erkrankungen einschließlich der Parkinson’schen Erkrankung richten, hat ein wichtiges Gebiet nur wenig Beachtung gefunden: die Frage nach Sexualfunktion und der Sexualität. Dieses Versäumnis scheint auf zwei Argumenten zu beruhen, wobei keines besticht oder gerechtfertig ist.

Argument 1

Parkinson-Patienten sind alt
Ältere Leute sind nicht am Sex interessiert
Deshalb sind Patienten mit Parkinson’scher Erkrankung
Nicht am Sex interessiert.

 Argument 2

Parkinson-Patienten sind behindert
Behinderte Personen haben kein Interesse am Sex
Deshalb sind Parkinson-Patienten nicht am Sex Interessiert.

 

Kein Interesse – Kein Sex – Kein Problem – So einfach ist das!

Bedauerlicherweise hat man, ohne die Patienten zu fragen, den Schluss gezogen, dass Parkinson-Erkrankte nicht am Sex interessiert seien. Das „Problem“ besteht darin, dass sie nicht notwendigerweise ´’alt’ sind (wie alt ist ‚alt’?) und dass sie nicht notwendigerweise ‚behindert’ sind. Auch wenn einige alt und behindert sind, haben sie Anspruch auf ein erfülltes Sexualleben, mag es sich auch von ihrem früheren Sexualleben unterscheiden. Aufgrund der Vielzahl der Anrufe bei der Zentrale der Parkinsongruppe, die um Auskunft und Rat dazu bitten, erscheint es einleuchtend, dass wir die Frage nach Sex nicht einfach ignorieren können und hoffen, dass sie von selbst verschwindet. Manche Patienten haben damit ein Problem und möchten etwas dagegen tun. Andere möchten wissen, was sie tun können, um zukünftige Probleme zu vermeiden.

Bevor wir spezielle Fragestellungen bezüglich Sexualität und Parkinson’scher Krankheit diskutieren, müssen wir das Wesen der Sexualfunktion, die verschiedenen Arten von Störungen und die Faktoren, die sie verursachen können, erörtern

Das Wesen der Sexualfunktion

Die Vielfalt des Geschlechtsaktes ist groß, so wie das Ausmaß der Erfahrungen und Emotionen, die es auslösen kann. Trotz dieser Vielfalt zeigen die Reaktionen des Körpers während des Geschlechtsaktes zu verschiedenen Zeiten und bei unter-schiedlichen Personen erstaunliche Ähnlichkeiten. Der normale menschliche Geschlechtsakt kann in zwei Phasen geteilt werden: Die Erregungsphase und die Orgasmusphase. Die Kenntnis dieser Phasen ist für ein Verständnis der sexuellen Störungen bei Mann und Frau hilfreich.

Während der Erregungsphase füllen sich die Geschlechtsorgane beider Partner mit Blut und schwellen an: eine Reaktion, die besonders eindrucksvoll bei der männlichen Erektion zu Tage tritt. Zusätzlich produziert die Frau natürliche Geschlechtsflüssigkeit, um das Eindringen des Penis (Penetration) und den Geschlechtsverkehr zu unter-stützen. Diese Veränderungen sind bei beiden Geschlechtern mit zunehmender Erregung verbunden. Die exakte Dauer dieser Phase variiert von einem Individuum zum anderen und von Gelegenheit zu Gelegenheit.

In der Orgasmusphase tritt eine Zunehme der Muskelspannung im ganzen Körper auf, die in unwillkürlichen Muskelkontraktion während des Orgasmus gipfelt.

Nach dem Orgasmus nimmt die Erektion beim Mann ab. Je höher das Alter des Mannes, um so schneller tritt dies ein. Für einen bestimmten Zeitraum ist beim Mann nun keine weitere Erektion oder ein Orgasmus möglich. Im Fachjargon nennt man dies die „Refraktorische Periode“, die bei jungen Männern Minuten und bei älteren Männern Stunden, bisweilen sogar Tage dauern kann.

Während bei Frauen die körperlichen Veränderungen der Erregung und des Orgasmus ebenfalls langsam verschwinden, fehlt bei ihnen eine refraktorische Periode. Die Frau ist physisch fähig, bei adäquater Stimulation sofort einen weiteren Orgasmus zu erleben.

Störungen der Sexualfunktion

Bei Frauen und Männern können die Störungen der Sexualfunktion in Störungen der Erregung bzw. Störungen der Orgasmusfähigkeit unterschieden werden – die zwei Phasen der sexuellen Reaktion. Zusätzlich existieren noch Störungen des Verlangens, der sogenannte verminderte ‚sexdrive’. Mit anderen Worten, die Person – Mann oder Frau – empfindet ein vermindertes Interesse oder Verlangen nach Sex. Deutliche Unterschiede bestehen bezüglich des Sexualtriebes und das Interesse des Einzelnen am Sex variiert während des Lebens, zeigt aber im Alter eine abnehmende Tendenz. In einigen Fällen jedoch kann das sexuelle Verlangen so gering sein, dass es zu einem Problem in der Partnerschaft führt.

Manchmal kann das geringe Verlangen nach Sex das Hauptproblem sein, aber oft entsteht ein vermindertes Interesse und Verlangen nach Sex als Folge von Frustration und Enttäuschung, wenn andere sexuelle Probleme vorhanden sind.

Sexuelle Störungen beim Mann

Beim Mann ist die häufigste Störung der Erregung die Impotenz – die Unfähigkeit das Glied aufzurichten (Erektion). Manchmal kann es passieren, dass ein Mann eine Erektion erlangt, diese aber, bevor der Orgasmus erreicht wird, verliert. Die häufigste Störung der Orgasmusphase ist die vorzeitige Ejakulation, d.h. der Orgasmus tritt ein, bevor der Mann es wünscht. Seltener ist die verzögerte Ejakulation; die Unfähigkeit des Mannes zu ejakulieren, auch wenn er dies möchte.

Sexuelle Störungen bei der Frau

Die offensichtlichste Störung der weiblichen Erregungsphase ist die mangelnde Lubrikation. Dies macht die Penetration und den Geschlechtsverkehr schwierig oder sogar schmerzhaft. Manche Frauen verspüren eine unwillkürliche Kontraktion der Vaginalmuskeln, wenn der Penis versucht einzudringen: der sogenannte Vaginismus, der bei starker Ausprägung eine Penetration unmöglich macht. Wenn Störungen der Erregungsphase auftreten, ist es unwahrscheinlich, dass die Frau einen Orgasmus erlangen wird. Im Gegensatz dazu gibt es Frauen, die eine Erregung verspüren, aber unfähig sind trotz adäquater Stimulation einen Orgasmus zu erleben: dies wird Anorgasmie genannt.

Primäre Ursachen

Die verschiedenen Stufen der sexuellen Reaktion – Erregung und Orgasmus – sind beide abhängig von der normalen Funktion des autonomen Nervensystems.

Das ist der Teil des Nervensystems, der die Regulation vieler Körperfunktionen, wie z.B. Schwitzen, Blasenkontrolle, etc. übernimmt. Die Funktion des autonomen Nervensystems kann durch verschiedene Erkrankungen und durch verschiedene Medikamente beeinflusst werden, wie z.B. auch durch Alkohol. Bei einigen Erkrankungen können die Nerven zu den Sexualorganen selbst geschädigt sein, was ein vermindertes Empfinden nach Stimulation zur Folge hat. Es sollte noch angemerkt werden, dass das Alter selbst nicht eine primäre Ursache von Störungen der Sexualfunktion darstellt. Interesse und Erregbarkeit können im Alter abnehmen, stellen aber per se keine sexuelle Störung dar.

Sekundäre Ursachen

Während manche sexuelle Probleme primäre Ursachen haben, entsteht ein Großteil aufgrund von psychischen Problemen oder wird durch sie unterhalten. Die normale Funktion des autonomen Nervensystems bezüglich der sexuellen Bereitschaft kann besonders stark durch psychische Belastung beeinflusst werden, wie Angst, Furcht, Ärger etc.. Alles was zu psychischer Belastung führt, kann einen drastischen Effekt auf die sexuelle Erregbarkeit haben. Man kann sich Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen, um die Gesundheit der Kinder oder um ungezahlte Rechnungen; nach einer Operation kann man Angst haben, während des Geschlechtsverkehrs Schmerzen zu haben oder der Partner befürchtet dem Anderen Schmerzen zuzufügen.

Was immer auch der initiale Auslöser sein mag, psychischer Stress kann die meisten sexuellen Probleme unterhalten. Zum Beispiel: Lein Mann war durch Stress in der Arbeit für einen gewissen Zeitraum impotent. Selbst nachdem der Stress verschwunden ist, macht er sich noch solche Sorgen über seine Erektionsstörung, dass jedes Mal, wenn er Sex hat, die Impotenz zunimmt anstatt besser zu werden.

Ähnlich kann eine Frau z.B. wegen finanzieller Schwierigkeiten Probleme mit der Erregung haben, was zur Folge hat, dass die Penetration schmerzhaft ist. Später kann die Furcht vor Schmerzen mit der Erregung interferieren oder zu Vaginismus führen. Sogar wenn die Erregung stattfindet, kann Angst Orgasmusstörungen nach sich ziehen. Der Mann kann fürchten, dass er zu schnell ejakuliert, die Frau, dass sie keinen Orgasmus erlebt In beiden Fällen führt die Furcht dazu, dass die Dinge schlechter werden. Es entsteht ein Teufelskreislauf von Furcht und Versagen. Schließlich kann eine Störung eines Partners auf den anderen übertragen werden. Z.B. die Partnerin eines Mannes, der an vorzeitiger Ejakulation leidet, kann ängstlich werden, falls sie einen Orgasmus nicht zur rechten Zeit erlebt. Wenn eine Frau Schwierigkeiten hat, erregt zu werden, kann der Partner aufgrund seiner „mangelnden Leistung“ ängstlich werden und unfähig sein, eine Erektion zu erreichen.

Eine häufige Folge dieses Kreislaufes von Stress und Versagen in einer Partnerschaft ist, dass einer oder beide Partner eher versuchen werden, den Sexualkontakt zu vermeiden, als das Risiko eines unbefriedigenden Versuches einzugehen. Das Problem wird dann noch schwieriger.

Sexualfunktion bei der Parkinson’schen Erkrankung

Bisher wurde nur über sexuelle Probleme im Allgemeinen gesprochen. Wie verhält sich die Sexualität bei Parkinson-Patienten und deren Partnern? Wie in der Einleitung bereits angemerkt wurde, existieren praktisch keine Kenntnisse darüber. Vorläufige Informationen erhielt man 1988 bei einem Kongress jüngerer Parkinson-Patienten in Lancaster; 72 Personen – 34 Parkinson-Patienten und 38 Lebenspartner von Parkinson-Patienten wurden gebeten, einen detaillierten Fragebogen, der verschiedene Aspekte der körperlichen, psychischen und Sexual-Funktion beinhaltete, auszufüllen. Das Ziel dieser Studie war der Versuch zumindest vorläufige Antworten zu drei grundlegenden Fragen zu erhalten:

Wieviele Parkinson-Patienten und/oder wie viele Partner haben sexuelle Probleme?

Welche Probleme treten auf?

Worauf werden die Probleme bezogen?

Frage 1: „Wieviele haben sexuelle Probleme?“

Was ist ein „Problem“? Was ein Paar beunruhigt, wird von einem anderen Paar nicht als Problem angesehen. Zum Beispiel, ein Paar ist beunruhigt, weil sie nur zweimal die Woche Sex haben, während ein anderes Paar mit einem einmaligen Geschlechtsverkehr im Monat zufrieden ist. Es gibt keinen “normalen Zustand“ bezüglich Sex, es kann nur dann ein „Problem“ genannt werden, wenn es zu Beunruhigung oder Stress für einen oder beide Teile des Paares führt. Aus diesem Grund haben wir die Frage gestellt: „Wie befriedigend ist Ihr Sexualleben?“ Die Antworten zeigten, dass über die Hälfte aller Patienten (56,5 %) „ziemlich bis extrem zufrieden“ mit Ihrer sexuellen Beziehung sind. Dies bringt zum Ausdruck, dass die Parkinson’sche Krankheit nicht mit dem Auftreten von sexuellen Problemen gleichzusetzen ist. Leider waren ein Drittel (31,5%) „ziemlich bis extrem“ unzufrieden. Der Rest (12%) ist irgendwo in der Mitte anzusiedeln. Beide Teile eines Paares gaben annähernd die selbe Antwort. Jedoch verbergen diese Durchschnittswerte einen großen Unterschied, nämlich zwischen den Paaren, wo der erkrankte Partner männlich bzw. weiblich ist. In Partnerschaften, wo der Mann erkrankt ist, waren etwa die Hälfte „mittelmäßig bis extrem unzufrieden“ mit ihrer sexuellen Beziehung. Im Gegensatz dazu waren nur ein Achtel (13,5%) der Paare unzufrieden, in denen die Frau erkrankt war. Dieser Trend zeigt sich auch in den Antworten zur zweiten Frage: „Glauben Sie, dass Sie oder Ihr Partner momentan sexuelle Probleme haben.“ Die Ergebnisse sind graphisch in der Abbildung 1 dargestellt. Während etwa gleichviel Befragte in beiden Fällen über „geringe bis moderate Probleme“ berichteten, waren über ein Drittel (35 %) der männlichen Erkrankten und ihre Partner der Meinung, dass sie ein „schwerwiegendes Problem“ hatten. Im Vergleich klagen nur ein Achtel (13,5%) der Paare über schwerwiegende Probleme, wenn die Frau an Parkinson erkrankt war.

Frage 2: „Welche Probleme treten auf?“

Wie wir festgestellt haben, lassen sich sexuelle Störungen in drei Kategorien unterteilen: Störungen des sexuellen Verlangens oder sexuellen Interesses – Störungen der Erregung (z.B. bei Männern: Schwierigkeiten mit der Erektion; bei Frauen Schwierigkeiten mit einer für sie angenehmen Penetration) und Störungen der Orgasmusfähigkeit (z.B. bei Männern vorzeitige Ejakualtion; bei Frauen Schwierigkeiten, den Orgasmus zu erleben). Diese drei Typen können eng miteinander verbunden sein. Bei einigen Paaren besteht normales Interesse, dann entwickelt sich ein Problem beim Orgasmus und später verlieren sie das Interesse am Sex.

Störungen in allen drei Gebieten können auch die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs eines Paares beeinflussen. Im Durchschnitt haben männliche Erkrankte und ihre Partner ein bis zweimal im Monat Sex, obgleich sie es gern einmal die Woche hätten. Weiblich Erkrankte und ihre Partner hatten Sex häufiger, ungefähr ein bis zwei mal pro Woche. Auch sie hätten gerne häufiger Sex, nämlich 2-4 mal pro Woche. Das Problem dabei ist nicht, wie häufig ein Paar Sex hat, sondern ob sie damit zufrieden sind oder nicht (Tafel 1 Stellt die Antworten nach den vorhandenen Störungen zusammen.) Die Gruppe, die die geringsten Schwierigkeiten angaben, waren die männlichen Partner von Parkinson-Patientinnen. Die weiblich Erkrankten hatten mehr Schwierigkeiten als ihre männlichen Partner, insbesondere was Interesse und Verlangen nach Sex betrifft. Die meisten Schwierigkeiten wurden von männlichen Erkrankten und ihren weiblichen Partner geschildert. Über die Hälfte hatten Probleme in der Erregungsphase oder der Orgasmusphase. Jedoch bestand auch ein Unterschied in ihrem Interesse oder Verlangen nach Sex. Während nur ein Viertel der männlichen Erkrankten ein Problem mit dem Verlangen und Interesse hatten, berichteten drei Viertel ihrer Partner über ein solches Problem.

Frage 3: „Worauf werden die Probleme bezogen?“

Die Sexualfunktion kann durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst werden. Es sollen die Faktoren in Erwägung gezogen werden, die bei der Parkinson’schen Erkrankung vorkommen. Zu den körperlichen Faktoren gehören Störungen der Bewegung – entweder zuviel oder zu wenig – Müdigkeit und mögliche Nebenwirkungen von Medikamenten. Bei einer Minderheit der Patienten führt die Erkrankung zu Veränderungen des autonomen Nervensystems – der Teil des Nervensystems, der in der sexuellen Reaktion involviert ist. Zu den psychischen Faktoren zählt die Depression, die sowohl Ursache als auch Folge von sexuellen Störungen sein kann. Wie bereits erwähnt, können Stress und Angst eine tiefgreifende Wirkung nach sich ziehen, entweder durch sexuelle Probleme selbst, durch Krankheit oder durch andere Ereignisse, die im Leben eines Menschen auftreten können.

Bei den Erkrankten – Männern und Frauen – haben wir festgestellt, dass die Patienten mit sexuellen Problemen älter waren, depressiver waren und die Parkinson’sche Erkrankung schon längere Zeit hatten. Interessanterweise geben die schwerer Betroffenen nicht mehr sexuelle Probleme an als die, die nicht behindert waren. Das Auftreten von Problemen war ebenfalls nicht abhängig von der Art oder der Menge der eingenommenen Medikamente, noch war es korreliert mit Veränderungen im autonomen Nervensystem. Die Partner mit sexuellen Problemen waren depressiver, ängstlicher und standen unter einem größeren Druck. Dieser Druck scheint im Bezug zum Ausmaß der Erkrankung des Lebenspartners zu stehen. Wir baten die Befragten mit ihren eigenen Worten zu beschreiben, was sie als Grund der Probleme, die sie hatten, ansahen. Interessanterweise sagten nur einige wenige – entweder Erkrankte selbst oder ihre Partner – dass die Bewegungsstörungen selbst ein Hauptgrund waren. Stattdessen führten die Befragten eine große Anzahl von verschiedenen Erklärungen auf, wobei viele den Stress anschuldigten. Einige weibliche Partner – insbesondere deren Partner durch die Erkrankung stark behindert waren – fanden es schwierig, ins Bett zu gehen und ihre Rolle als Krankenschwester gegen die Rolle eines Liebhabers einzutauschen.

„Was können wir den Ergebnissen entnehmen?“

Weil nur eine relativ kleine Anzahl von Personen an der Untersuchung teilnahmen, ist es nicht möglich, endgültige Schlüsse daraus zu ziehen. Jedoch lassen sich verschiedene Trends ablesen:

1. Ein beachtenswerter Anteil der Erkrankten berichtete über sexuelle Störungen. Jedoch muss betont werden, dass nicht für alle Erkrankten zutrifft. An der Parkinson’schen Krankheit zu leiden, heißt nicht, dass sexuelle Probleme unvermeidbar sind.

2. Die Partner der Erkrankten berichteten auch über Probleme. Das heißt, es ist falsch über Probleme eines einzelnen Partners zu sprechen. Vielmehr ist das Problem ein Problem beider Partner.

3. Der höchste Anteil an Problemen wurde von Paaren berichtet, bei denen der Mann an Parkinson erkrankt war.

4. Störungen existierten auf dem Gebiet des sexuellen Verlangens und Interesses, in der Erregungsphase und der Orgasmusphase. Keine Form der Störung schien weder für die Erkrankten noch für ihre Partner charakteristisch zu sein, obgleich Störungen des Interesses oder des Verlangens typischerweise bei Frauen, insbesondere den weiblichen gesunden Partnern bestanden.

5. Insgesamt konnten die sexuellen Probleme nicht einfach aufgrund der Symptome der Parkinson’schen Erkrankung oder Veränderungen des autonomen Nervensystems oder als Nebenwirkungen der Medikation erklärt werden. Faktoren wie Alter, Stress, Depression und Angst schienen wichtiger zu sein.


Was kann getan werden?“

Weder zwei Menschen noch zwei Paare sind gleich. Für einige kann Sex einmal pro Monat ausreichend sein, andere sind zufrieden mit Zärtlichkeiten während für andere ein erfülltes und ausgelebtes Sexualleben ein wichtiger Bestandteil ihrer Beziehung ist. Chronische Erkrankungen wie die Parkinson’sche Erkrankung können zu Einschränkungen und Zwängen führen, was physisch noch möglich ist und zu welchen Zeiten es getan werden kann. Solche physischen Einschränkungen jedoch sind per so kein Problem. Daraus können sich nur dann Probleme entwickeln, wenn das Paar versucht, ohne Veränderung in den alten Bahnen zu verharren. Wenn Menschen notwendige Veränderungen nicht realisieren, entsteht Stress. Andere Stressoren wie Geldsorgen, Sorgen am Arbeitsplatz oder die Sorge um Kinder können die Situation verschlimmern. Was auch immer der Grund sein mag, Stress und Sex vertragen sich nicht. Was können sie und ihr Partner tun?

1. Gespräche mit Ihrem Partner sind wichtig, um den Teufelskreislauf von Stress und Sorgen als Ursache von sexuellen Problemen zu vermeiden, die noch mehr Verunsicherung verursachen, was wiederum zu Störungen führt und so weiter. Wenn es Dinge gibt, die Sie bezüglich Sex mögen oder nicht mögen, sagen Sie es ihrem Partner. Dies ist besser als zu hoffen, dass er Ihre Wünsche errät

2. Die meisten Paare geraten nach langjähriger Partnerschaft in ein Schema, wann und so sie Sex haben – nur Samstag Nacht, immer in derselben Stellung, immer mit derselben Routine, etc. Diese Gewohnheiten zu verändern, egal ob ein Partner Parkinson hat oder nicht stellt eine gute Möglichkeit dar, die sexuelle Beziehung interessanter zu gestalten.

In den Fällen, wo die Parkinson’sche Erkrankung ein wesentlicher Faktor ist, sind solche Veränderungen noch wichtiger. Zum Beispiel hat ein Paar nur Sex kurz vor dem Schlafen. Das kann die schlechteste Zeit sein, weil die Wirkung der Medikamente des Erkrankten zu Ende geht und beide Partner müde sind. Ein gutes Buch kann jetzt viel attraktiver sein.

Damit Sex eine Chance hat, kann es notwendig sein, sich am Nachmittag oder am Morgen zu liegen, wann immer Sie Zeit dafür haben oder erübrigen können. Ergreifen Sie die Gelegenheit, wenn Sie beide entspannt sind. Die Art wie Sie sich leben, kann ebenfalls verändert werden. Die „Missionarsstellung“ mag nicht ideal sein, insbesondere wenn der Mann der erkrankte Partner ist. Andere Stellungen können besser sein und sie auszuprobieren kann Spaß machen.

Obgleich es viele Möglichkeiten gibt, womit ein Paar sich helfen kann, kann ein Problem manchmal so groß erscheinen, dass Hilfe vonnöten ist, auch wenn es nur darum geht, dass eine unabhängige Person die Dinge in ein neues Licht rückt und Perspektiven eröffnet. Einige Hausärzte und Eheberatungsinstitute bieten Hilfe bei sexuellen Problemen an oder können Sie an jemanden überweisen, der helfen kann.

Wenn sie sagen: „Sie haben die Parkinson’sche Krankheit, was erwarten Sie?“ dann zeigen sie diesen Artikel. Sagen Sie ihnen, dass Sie dieselben Probleme haben wie andere Leute auch. Sagen Sie ihnen, dass sexuelle Probleme im Zusammenhang mit einer Erkrankung wie sexuelle Probleme von anderen Menschen behandelt werden können. Fürchten Sie sich nicht, andere um Hilfe zu tragen.
Wenn Sie zu einem Sextherapeuten gehen, was erwartet Sie dort? Vergessen Sie all ihre Phantasien. Sextherapie ist sehr pragmatisch. Sextherapeuten erhalten ein Spezialtraining, kommen aber aus unterschiedlichen Disziplinen. Einige können Hausärzte sein, andere klinische Psychologen oder Berater. Manchmal gibt es zwei Therapeuten, einen männlichen und einen weiblichen. Das erste, was sie wissen wollen, ist, was Ihr Problem ist und die Dinge, die es verursachen könnten. Im speziellen sind sie an Ihren Sorgen und Ängsten und jedwedem Stress interessiert, dem sie unterworfen sind. Als Nächstes werden sie üblicherweise Sex verbieten. Dies mag ein sonderbarer Anfang sein, aber es kann ein effektiver Weg sein, um eine große Quelle der Angst für viele Paare zu entfernen – Sex selbst. In den nächsten Wochen wird der Sextherapeut Ihnen dann „Hausaufgaben“ geben. Das kann zu Beginn nur Schmusen und Zärtlichkeiten beinhalten, sich gegenseitig zu berühren, aber nicht um sich gegenseitig zu erregen. Schrittweise, sobald sich ein Paar im körperlichen Kontakt entspannt, kann der Therapeut Möglichkeiten des intimen Kontaktes vorschlagen, aber noch ohne Geschlechtsverkehr.

Jede Woche wird der Therapeut erfahren wollen, wie die Dinge stehen. Wenn ein Partner während der Übung Angst verspürt, geht es zu schnell vor sich oder es sind kleine Veränderungen vonnöten. Die Art und Weise, wie sich die Therapien entwickeln, hängt von den speziellen Problemen ab, die die Partner haben. Spezielle Techniken stehen bei Impotenz oder vorzeitiger Ejakulation beim Mann oder Vaginismus oder Störungen der Orgasmusfähigkeit bei der Frau zur Verfügung.

Dies alles muss sich in kleinen und schrittweisen Fortschritten entwickeln. Schließlich empfiehlt der Sextherapeut dem Paar erneut Geschlechtsverkehr, aber widerum in einer schrittweisen Annäherung und nur, wenn das Paar den Zeitpunkt als richtig empfindet. Wenn es nicht klappt, gehen Sie einfach wieder einen Schritt zurück.
Sextherapie ist nicht einfach – es beansprucht viel Zeit und Anteilnahme beider Partner. Aber es kann Spaß machen.